Die  CEA- Falle

Ein Erfahrungsbericht zum Thema Augenuntersuchung

Die Nachricht schlug bei mir wie eine Bombe ein : eine Tochter meiner Hope erhielt im Alter von 18 Monaten bei der Augenuntersuchung das Ergebnis "CEA-frei".

Wie schön, könnte man denken. Bei dem HD-Ergebnis A und den bereits vorliegenden beiden "V" von Zuchtschauen wäre da ja wohl einen "Zuchtempfehlung" in Aussicht. Aber weit gefehlt !

Der eigentliche Bombeneinschlag kam nämlich bereits 16 Monate vorher, als ich eben diesen Wurf im Alter von 7 Wochen auf CEA untersuchen lies. Das niederschmetternde Ergebnis : nur 5 Welpen "CEA-frei", aber 2 Welpen CEA-befallen, darunter die oben erwähnte Hündin.

Was war hier passiert? Ein Untersuchungsfehler, eine Wunderheilung oder ganz einfach eine Verwechslung? Für Collie- und Sheltiezüchter ist diese Frage wohl leichter zu beantworten, denn leider tritt CEA bei diesen Rassen viel häufiger auf als bei Border Collies und die Augenuntersuchung ist daher schon lange Pflicht, sodass solche Fälle wohl öfter bekannt werden. Bei Border Collies war eine Augenuntersuchung seit längerem überhaupt nur erforderlich, wenn man eine Zuchtempfehlung für seinen Hund haben wollte. Dabei ist hier aber immer von der Untersuchung auf alle erblichen Augenkrankheiten die Rede, die erst mit mehr als 12 Monaten erfolgen kann, denn nur CEA ist schon beim Welpen nachweisbar, nicht aber PRA oder Katarakt . Eine Welpenuntersuchung war schon immer nur freiwillig.

Für mich persönlich war das Ergebnis der Augenuntersuchung meiner Welpen zunächst einmal ein Schock. Natürlich kannte ich die einschlägigen Artikel zum Thema CEA, hatte mich sogar vor der Verpaarung bei einem englischen Fachmann über die bekannten CEA-Träger in den Pedigrees meiner Hündin und des Deckrüden informiert und war daher über ein gewisses Risiko im Bilde. Aber jetzt tatsächlich zwei befallene Welpen zu haben, für die es bereits Käufer gab, warf eine Vielzahl an ganz konkreten Fragen auf. Welche Folgen hat CEA für die Hunde selbst, werden sie erblinden? Kann man mit ihnen arbeiten und sie im Sport einsetzen? Dass ein Zuchteinsatz nicht in Frage kam, stand für mich von Anfang an fest, obwohl die rechtliche bzw. zuchtverbandsbezogene Seite gar nicht so eindeutig schien. Was rate ich meinen Welpenkäufern, kann ich die beiden Welpen überhaupt guten Gewissens verkaufen? Was ist mit den CEA-freien Geschwistern, sind sie für die Zucht geeignet? Auf der  Rückfahrt von der Augenuntersuchung schwirrten mir Tausende solcher Fragen durch den Kopf. Dabei hatte ich mir vorher eigentlich viel mehr Sorgen gemacht, ob denn meine Welpis und ihre Mama diese fünfstündigen Autofahrt plus Aufenthalt in der Fremde wohl unbeschadet überstehen würden. Nebenbei bemerkt, sie haben es gut überstanden, obwohl eine Pinkelpause mit Waldspaziergang in fremder Umgebung und bei Dämmerung wohl nur für die Welpen lustig und spannend, aber für mich ziemlich nervenzerfetzend war.

Einige Tage und unzählige Telefongespräche später hatte sich der Dschungel der Fragen ein wenig gelichtet: beide Welpen hatten CEA in der mildesten Form CRH (siehe Fußnote*), eine gesundheitliche Beeinträchtigung war also auszuschließen, einem Einsatz als Hütehund oder im Sport stand damit nichts im Wege. Alle Welpenkäufer zeigten sich nach entsprechender Information verständnisvoll und blieben bei ihrer Kaufabsicht. Nachdem die Welpen in ihr neues Zuhause umgezogen waren, ließ ich die beiden CEA-befallenen und zwei der anderen Welpen mit 11 Wochen erneut von einem anderen Arzt untersuchen, der jeweils dasselbe Ergebnis feststellte wie vorher. Eine weitere Augenuntersuchung mit mehr als 12 Monaten wurde vereinbart.

Und damit komme ich wieder zum Ausgangspunkt meines Berichtes. Von den beiden CEA-befallenen Hündinnen erhielt nämlich eine bei dieser (dritten) Untersuchung wieder den Befund "CEA nicht frei", aber die andere bekam jetzt ein "CEA-frei"! Damit handelt es sich bei ihr um einen sogenannten "go-normal", also einen Hund, bei dem CEA nur im Welpenalter zu erkennen ist, später aber wegen wachstumsbedingter Veränderungen des Auges nicht mehr festgestellt werden kann. Dieses ändert aber nichts an der Tatsache, dass der betreffende Hund CEA "hat" und damit auch vererbt. Wie viele solcher "go-normals" es tatsächlich gibt und mit wie vielen davon gezüchtet wird, ist leider nicht bekannt und nachträglich eben auch nicht nachweisbar. Umso wichtiger ist es jedoch, dass solche genetischen Zusammenhänge bei einer verantwortungsvollen Zucht Berücksichtigung finden. .

Siehe auch Abbildung.

Erfreulicherweise tragen die neuen Bestimmungen der Zuchtordnung des Club für Britische Hütehunde vom 23.09.2000 dieser Tatsache Rechnung. Neben dem eher unverbindlichen Satz,  "alle ... Border Collie-Welpen sollten auf erbliche Augenkrankheiten untersucht werden." findet sich nun auch die Bestimmung, dass Border Collies, die eine Zuchtzulassung erhalten sollen, auf CEA untersucht sein müssen und keine Netzhautablösungen oder intraokuläre Blutungen aufweisen dürfen (Zeitpunkt der Untersuchung nicht festgelegt). Eine Zuchtempfehlung erhalten jedoch nur noch - natürlich neben den anderen Voraussetzungen - die Border Collies, die zwischen der sechsten und neunten Lebenswoche augenuntersucht und  "CEA-frei" befundet wurden. Dies gilt für Hunde, die nach dem 01.04.2001 geboren wurden.

Bereits auf der Border Collie-Züchtertagung im Herbst 1999 wurde lebhaft über das Thema Augenuntersuchung, insbesondere auch die Welpenuntersuchung auf CEA diskutiert. Da die Krankheit, wie schon erwähnt, bei Border Collies (noch?) relativ selten auftritt, ist der Informationsstand der Züchter nicht immer sehr ausgeprägt, dafür sind die Emotionen bei diesem Thema um so heftiger. Ich kann mich noch lebhaft an eine frühere Züchtertagung erinnern, auf der auf's heftigste über den Fall eines angeblich erwiesenen CEA-Trägers diskutiert oder besser gestritten wurde, wobei es an persönlichen Angriffen, Unschuldsbehauptungen,  gegenseitigen Anschuldigungen und unqualifizierten Werturteilen nicht mangelte. CEA scheint ein Tabuthema zu sein, über das man am liebsten gar nicht spricht und über das man möglichst bei seinen Hunden auch nichts wissen möchte, denn die Augenuntersuchung war ja bisher freiwillig. Leider wird auch die neue Zuchtordnung an dieser Situation nicht viel ändern, wenn die Welpen-Augenuntersuchung nicht von allen Züchtern in vollem Umfang unterstützt wird und dies hängt wiederum auch vom Interesse der Welpenkäufer an diesem Thema ab.

Welche Argumente gibt es nun für oder gegen eine CEA-Welpenuntersuchung?

Dagegen spricht :

  • 6-8 Wochen alte, gerade erst geimpfte Welpen ohne belastbaren Impfschutz werden dem Infektionsrisiko in einer Tierklinik oder Tierarztpraxis ausgesetzt,

  • da es relativ wenige zugelassene Augenspezialisten gibt (Dortmunder Kreis), können die Fahrzeiten zur Untersuchung sehr lang sein und belasten die Welpen und Mutterhündin,

  • es entstehen zusätzliche Kosten (ca. 70DM pro Welpe) und zusätzlicher Arbeitsaufwand,

  • die Welpenkäufer sind an dem Ergebnis nicht interessiert und wollen die Kosten dafür nicht tragen,

  • nur wenige der Welpen sollen später züchterisch eingesetzt werden,

  • für die Zuchtzulassung ist eine Welpenuntersuchung  nicht erforderlich, sondern nur für eine Zuchtempfehlung.

Dafür spricht :

  • nur bei der Welpenuntersuchung im Alter von 6-8 (-11) Wochen können spätere "go-normals" zweifelsfrei erkannt werden,

  • wenn alle Welpen eines Wurfes untersucht werden, ist die Wahrscheinlichkeit, die Eltern als CEA-Träger oder CEA-unverdächtig zu identifizieren, wesentlich größer als bei der Untersuchung von Einzeltieren,

  • die Welpenkäufer können sachgerechter beraten werden,

  • für CEA-Träger, die aus anderen Gründen züchterisch wertvoll sind, stehen mehr Zuchtpartner zur Verfügung, die aufgrund von zahlreichen Untersuchungen von Nachkommen als CEA-frei gelten können,

  • durch gezielte Verpaarungen kann eine weitere Verbreitung der CEA beim Border Collie verhindert werden, bzw. deren Auftreten vermindert werden.

Die Augenuntersuchung aller Welpen jedes Wurfes sollte nach meiner Meinung Ehrensache jedes Border Collie-Züchters sein. Wenn sich der Club für Britische Hütehunde dann auch noch entschließen könnte, die Augenuntersuchungsergebnisse zu veröffentlichen, so wie es bei den HD-Untersuchungen seit Jahren üblich ist, würde auch die Geheimniskrämerei um CEA-befallene Hunde ein Ende haben. Wir könnten dann diese Erkrankung wieder mit der richtigen Perspektive betrachten, als eine Erbkrankheit, die im Vergleich zu anderen zwar weniger schwerwiegend erscheint, aber nichts desto trotz durch züchterische Maßnahmen vermieden werden sollte.

 

* Erscheinungsformen der CEA  (Schweregrade):

1. CRH = chorioretinale Hypoplasie. Das bedeutet, dass in einem bestimmten Bereich des Auges ein Teil der Netzhaut und der darunterliegenden Aderhaut fehlen. Diese Bereiche sind besonders gut bei Welpen bis zur 9. Lebenswoche zu erkennen, da bis zu diesem Zeitpunkt die Netzhaut noch nicht pigmentiert (= gefärbt) ist. Nach dieser Zeit ist bei einigen Hunden die CRH nicht mehr feststellbar, da das Pigment diese Stellen verdeckt. Das sind die sogenannten ,,go normals“.

Unerheblich, ob ,,go normal“ oder nicht, werden die betreffenden Hunde in ihrem Sehvermögen und damit in ihrer Lebensqualität nicht beeinflusst, da die Veränderungen in der Regel nur sehr kleine Netzhautbezirke betreffen.

2. Kolobom : Hierbei handelt es sich um eine mehr oder weniger großflächige Ausbuchtung der Netzhaut im Bereich des Sehnervenkopfes. Normalerweise wird auch durch ein Kolobom die Sehkraft nicht beeinträchtigt. In seltenen Fällen können die Ausbuchtungen allerdings große Teile der Netzhaut einnehmen, dann können sich Gesichtsfeldeinengungen ergeben.

3. Blutungen und Netzhautablösung : Dieses ist nun die schlimmste, aber zum Glück auch die seltenste Veränderung im Rahmen der Collie Augenanomalie. Auf Grund von Blutgefäßveränderungen in der Aderhaut kann es zu Blutungen hinter der Netzhaut und, als Folge dessen, zu Netzhautablösungen kommen. Diese Hunde sind blind und können Probleme mit dem Augeninnendruck und Entzündungen der Gefäßhaut bekommen.