Der Schlaganfall, der keiner war.

Ein Erfahrungsbericht über das Vestibular-Syndrom beim Hund

Nellie mit 13 Jahren

Nach mehr als dreißig Jahren Hundehaltung denkt man ja, dass man von den häufigsten Hundekrankheiten wenigstens schon mal was gehört oder gelesen hätte. Leider war das in diesem Fall nicht so. Mir wären ein paar schlimme Stunden erspart geblieben, wenn ich schon mal was vom so genannten Vestibular-Syndrom (auch geriatrisches Vestibular-Syndrom oder idiopathisches Vestibular-Syndrom) gehört hätte. Darum hier ein Bericht für alle, die das Glück haben, ihre älteren Hunde noch um sich zu haben.

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Meine Nellie ist jetzt dreizehneinhalb. Bis auf eine altersbedingte Spondylose und eine leichte Schwerhörigkeit ist sie eigentlich ziemlich fit, tobt mit dem Rudel und hütet gern noch ein bisschen, am liebsten unsere Enten. Montag vor vier Wochen war alles wie immer, als ich das Haus verließ. Als ich nach nur zwei Stunden wiederkam, zeigte Nellie massive Bewegungsstörungen, sie taumelte und stolperte unkontrolliert, fiel auch öfters einfach zur Seite um. Das Ganze sah aus wie bei einem Hund, der aus der Narkose erwacht und zu früh versucht herumzulaufen. Dabei war Nellie aber ansprechbar und schien völlig klar im Kopf zu sein. Da ich früher mal einen Mischlingsrüden mit Epilepsie hatte, war ich mir ziemlich sicher, dass dies kein epileptischer Anfall sein konnte. Eine Verletzung war auch nicht zu beobachten, ich dachte an Schlaganfall, Herzinfarkt, Zuckerschock usw. Für den Fall, dass es eine Unterzuckerung wäre, machte ich Nellie eine Fleischbrühe mit reichlich Traubenzucker, die sie auch artig trank. Zwei Minuten später erbrach sie die Reste ihrer letzten zwei Mahlzeiten. Inzwischen hatte ich meinen Tierarzt angerufen und einen sofortigen Besuch dort vereinbart. In der Praxis, die Nellie sehr ungern betritt, waren die Bewegungsstörungen nur in recht abgeschwächter Form zu beobachten, Nellie tat alles, um wenigstens auf den Füßen zu bleiben. Die Untersuchung erbrachte, dass es weder ein Herz- noch ein Kreislaufproblem sein konnte, auch die Blutwerte waren normal. Eine eindeutige Diagnose war zu diesem Zeitpunkt nicht zu stellen, und so fuhren wir wieder nach Hause.

Im Laufe des Nachmittags veränderte sich Nellies Zustand kaum, allerdings fing sie an, den Kopf etwas schräg zu halten. Voller Unruhe telefonierte ich mit mehreren Tierärzten, ohne Ergebnis. Schließlich wurde mir geraten, doch in die Tierärztliche Hochschule nach Hannover zu fahren. Ich rief in der Notfallsprechstunde an, und nachdem ich mein Problem geschildert hatte, wurde ich mit einer sehr netten Tierärztin verbunden, die mir sehr präzise Fragen stellte, vor allem ob sich bei meinem Hund die Augen drehen. Das musste ich zunächst verneinen, denn auch bei genauem Hinsehen fiel mir nichts Besonderes an den Augäpfeln von Nellie auf. Natürlich bewegten sie sich, aber dies wirkte wie ein normales Hin-und Hersehen. Erst als wir ihren Sohn Moss daneben setzten und noch mal verglichen, konnte ich ein minimales Verdrehen und Zurückgleiten des Augapfels entdecken. Daraufhin meinte die Tierärztin, soweit das bei einer solchen Ferndiagnose überhaupt möglich sei, so sei sie doch sehr sicher, dass es sich um das Vestibular-Syndrom handeln würde. Dies ist eine Störung des Gleichgewichtsorgans im Innenohr, deren Ursache unbekannt (idiopathisch) ist. Auch wenn diese Erscheinung oftmals Schlaganfall genannt wird, hat sie mit dem klassischen Schlaganfall, d.h. einer Durchblutungsstörung im Gehirn mit anschließendem Absterben von Gehirnzellen und nachfolgenden Lähmungen oder sonstigen Funktionsstörungen, nichts zu tun. Das (darum auch geriatrische) Vestibular-Syndrom tritt vorzugsweise bei älteren/alten Hunden auf. Nellie am 05.05.04

Die schlechte Nachricht sei, sagte die Tierärztin weiter, dass es gegen das Vestibular-Syndrom keine spezifische Behandlung gebe. Darum hätte es auch wenig Zweck, in die TiHo zu kommen, sie könnten als einzige unterstützende Maßnahme den Hund stationär aufnehmen und an einen Tropf hängen. Dies hätte Nellie aber sicher mehr psychisch belastet als ihre akuten Symptome, darum habe ich darauf verzichtet. Die gute Nachricht aber war, dass diese Erkrankung fast immer von alleine wieder verschwinde, eine deutliche Besserung sei in drei bis vier Tagen zu erwarten, eine völlige Erholung innerhalb von vier Wochen, wobei bei manchen Hunden eine Kopfschiefhaltung erhalten bleibe. Es seien also Geduld und gute Pflege des Hundes angeraten.

Mit diesen Informationen versehen fuhren wir noch einmal zu unserem Haustierarzt, der anhand der gegenüber dem Mittag veränderten Symptome diese Diagnose nun bestätigen konnte. Ein Tropf brachte allerdings keine Verbesserung des Zustandes, im Gegenteil verschlimmerte sich die rhythmische Drehbewegung der Augäpfel (Nystagmus) dramatisch, das Weiße war zu sehen und Nellie konnte sich optisch kaum noch orientieren. Ich hatte ähnliche unkontrollierte Augenbewegungen erst einmal bei einem blinden Hund beobachtet, es sah sehr gruselig aus. Auch die Bewegungsstörungen waren stärker geworden, der Kopf kippte immer wieder zu einer Seite, es sah fast so aus, als würde er zur Seite runtergezogen. Wir waren froh, als wir endlich wieder zuhause waren und Nellie in ihrem Körbchen ein bisschen Ruhe fand und zwischendurch einschlief, wobei Kopf- und Augenbewegungen auch im Schlaf weiterliefen.

Die Recherche im Internet erbrachte erfreulicherweise einige (meist englische) Informationen, die 100% mit Nellies Symptomen übereinstimmten, so dass sich bei mir langsam ein gewisser Optimismus hinsichtlich des Ausgangs dieses Dramas einstellte. Allerdings können auch andere Ursachen ähnliche Gleichgewichtsstörungen auslösen, vor allem eine Mittelohrentzündung, aber auch Tumore im Ohr oder im Gehirn, Schlaganfälle (die beim Hund wohl extrem selten vorkommen), Epilepsie. Das entscheidende Indiz für das Vestibular-Syndrom ist wohl die spontan auftretende zügige Erholung des Patienten. Also hieß es abwarten. Übrigens gibt es das Vestibular-Syndrom auch bei Katzen.

Näheres steht hier:
http://www.tierarztpraxis-reuter.de/tierarzt_info/index_katze.htm
http://www.vara.org/VestibularSyndrome.htm

Am nächsten Tag waren die Symptome noch fast dieselben, Nellie wollte raus, verlor aber immer wieder das Gleichgewicht, so dass ich sie beim Pinkeln usw. festhalten musste. Am vorigen Nachmittag hatte sie noch fressen wollen, jetzt zeigte sie Interesse, zuckte aber wieder zurück, wenn sie die Nase in den Napf senken wollte. Anscheinend fühlte sie sich durch die Gleichgewichtsstörungen so wie jemand, der aus einem Karussell oder einer Achterbahn aussteigt, danach hat man wohl auch keinen rechten Appetit, zumindest der Magen nicht. Um die alte Dame bei Kräften zu halten gab's also Weichfutter und Mett in Häppchen aus der Hand gefüttert und Wasser vorsichtig angereicht, dann klappte es auch mit dem Trinken. Erbrochen hat sie jedenfalls nicht wieder, auch die Verdauung war normal.

Am dritten Tag wurden die Augenbewegungen und das Kopfdrehen langsam weniger, Nellie schaffte es schon wieder über Türschwellen und um Ecken, ohne jedes Mal umzufallen. Ins Körbchen steigen (10 cm hoch) war noch sehr schwierig, versuchte sie einem anderen Hund auszuweichen (die Welpen begrüßten sie natürlich trotzdem mit Maulwinkellecken) oder sich zu schütteln, verlor sie aber immer noch sofort das Gleichgewicht. Am nächsten Tag versuchte sie schon wieder ein paar Schritte Trab auf dem Hof, die vier Treppenstufen schaffte sie mit Schwung auch ganz gut. Überhaupt war sie vom Wesen her wenig beeinträchtigt, nachdem die extreme Kopf- und Augendrehung (und die damit verbundene Desorientierung und Übelkeit?) abgeklungen war. Sie wirkte einfach nur erstaunt darüber, dass ihr Körper manchmal nicht so funktionierte, wie sie das gewohnt war. Fressen konnte sie nach fünf Tagen wieder selbstständig. Nach einer Woche ging sie wieder mit auf die Schafweide zum Füttern, hielt sich vorsichtshalber im Hintergrund, wirkte aber irgendwie erleichtert, dass ihr normaler Tagesablauf wieder eingekehrt war.

Nach 14 Tagen war von den rhythmischen Augenbewegungen nichts mehr zu merken. Nellie hielt den Kopf immer noch etwas schief. Den Kopf und Vorderkörper konnte sie schütteln ohne umzufallen. Enge Wendungen, Drängeleien der anderen Hunde und abrupte Bewegungen brachten sie aber immer noch aus dem Gleichgewicht.

 

Heute, nach vier Wochen, ist auch das vorüber, und Nellie bewegt und verhält sich genauso wie vor dem ersten Auftreten der Symptome und wie man es von einem fast vierzehnjährigen Hund mit Spondylose eben erwarten kann. Ihr Hörvermögen und ihre Orientierungsfähigkeit sind jedenfalls nicht beeinträchtigt. Es scheint, dass der Spuk tatsächlich vorüber ist.

Mein persönliches Fazit: Wäre ich über das Krankheitsbild im Voraus informiert gewesen, wäre der Schock über Nellies Erkrankung wesentlich milder ausgefallen. Vor allem die Frage nach dem Einschläfern-lassen-müssen, die man sich ja sofort stellt, wenn ein alter Hund weder alleine fressen noch laufen kann, wäre mir dann erst einmal erspart geblieben. Inzwischen habe ich von einigen Fällen von Vestibular-Syndrom erfahren, und jedes Mal hat der Hund sich wieder erholt und noch einige Jahre gelebt (einer wurde sogar 18, nachdem er mit 16 eine solche Erkrankung hatte). Ob die Krankheit nun eher selten oder häufiger auftritt, kann ich nicht beurteilen, wie es scheint, hatten aber wohl nicht alle Tierärzte damit zu tun, sonst hätte ich vielleicht ein paar Stunden eher die Diagnose und damit einen Hoffnungsschimmer gehabt. Jedenfalls wünsche ich allen, die mit ihrem alten Hund Ähnliches erleben gute Nerven und ein bisschen Geduld. Auch wenn der Schrecken zunächst groß ist, die Chancen auf eine vollständige Genesung des Hundes scheinen gut zu sein.

 (Juni 2004)


Da ich inzwischen sehr viele Rückmeldungen zu meinem Erfahrungsbericht erhalten habe, die weitere wertvolle Erkenntnisse über diese Erkrankung liefern können, habe ich mich entschlossen, ein spezielles Gästebuch zu diesem Thema einzurichten. Wenn Sie also selber mit Ihrem Hund eine Episode des Vestibularsyndroms erlebt haben und anderen Lesern dies zugänglich machen möchten, so nutzen Sie doch bitte das neue Gästebuch.

Gästebuch Vestibularsyndrom

 

Im Namen aller alten Hunde und ihrer Besitzer, die so schneller Hilfe in einer kritischen Situation finden, bedanke ich mich im Voraus herzlich für Ihre Beiträge.

 

Christine Fischer (März 2006)

 

 

Nellie im Dez.2004

 

 

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