Stress bei der Ausbildung von Hütehunden

 

Lernen funktioniert dann besonders gut, wenn man entspannt an die Sache herangeht – Stress und Hektik hemmen den Lernerfolg, das gilt für Hunde genauso wie für Menschen. Welche Bedeutung Stress bei der Ausbildung von Hütehunden hat, habe ich in einer dreiteiligen Artikelserie im Rundschreiben der Arbeitsgemeinschaft Border Collie Deutschland e.V. dargestellt. Dies ist nun die - ungekürzte und mit Fotos ergänzte - Online-Version.

 Gähnen als Stresssymptom 

Im Juni 2009 hatte ich die Gelegenheit, einen Vortrag von Frau Dr. Willa Bohnet vom Institut für Tierschutz und Verhalten der Tierärztlichen Hochschule Hannover mit dem Titel „Stresserkennung in der Arbeit mit Hunden“ zu hören. Obwohl dieser Vortrag im Rahmen einer Veranstaltung mit dem Thema „Der Hund als Sozialpartner“ gehalten wurde, fielen mir sofort die zahlreichen Bezüge zur Hüteausbildung von Border Collies auf, die mir aus etwa 15 Jahren Ausbildertätigkeit nur zu vertraut sind. Daher möchte ich die Informationen aus dem Vortrag von Frau Dr. Bohnet mit meinen eigenen Beobachtungen verknüpfen und so versuchen, dazu beizutragen, die Schwierigkeiten, die unweigerlich auf Mensch und Hund, besonders in der Anfangsausbildung zukommen, zu relativieren und möglichst zu vermindern.

 

Was ist eigentlich Stress?

Zunächst muss geklärt werden, was Stress überhaupt ist. Die Definition besagt, dass ein Stressor, also ein Reiz, der auf den Organismus einwirkt, von diesem durch eine Stressreaktion beantwortet wird. Diese besteht zum einen aus physiologischen Reaktionen (Hormonausschüttung), zum anderen findet eine Verhaltensanpassung statt. Stress ist also eine Störung oder Bedrohung der Selbstregulation (Homöostase) und der Versuch des Organismus, diese auszugleichen. Das Reaktionsmuster auf die als Stressor wahrgenommene Umwelteinwirkung (Reiz) wird sowohl durch gemachte Erfahrungen, als auch durch die genetische Veranlagung beeinflusst. Welche Hormone im konkreten Fall zur Wirkung kommen, hängt davon ab, ob der Organismus noch in der Lage ist, Einfluss auf die belastende Situation zu nehmen. Lässt sich die Stresssituation etwa durch Flucht oder Angriff bewältigen, so steigt z. B. die Adrenalin- und Noradrenalinausschüttung ebenso wie der Testosteronspiegel. Ist der Hund jedoch einer Dauerstressbelastung ausgesetzt, wie sie z. B. Hunde in Tierheimen oder bei Zwingerhaltung erfahren, und hat er keinerlei Möglichkeit mehr, seine Situation zu beeinflussen, so reagiert er mit Rückzug, Aktivitätseinschränkung bis hin zur Apathie. Dabei wird Adrenalin nicht mehr vermehrt ausgeschüttet, der Testosteronspiegel sinkt und es wird (immunitätshemmendes) Cortisol gebildet. In diesem Zustand kann von einer Stressbewältigung nicht mehr die Rede sein.

Soviel zum physiologischen Hintergrund. Wichtig dabei scheint mir, dass bestimmte Verhaltensweisen des Hundes als Anpassung an stressbeladene Situationen hormonell gesteuert werden und damit nicht unmittelbar durch Erziehungsmaßnahmen beeinflussbar sind. Hierzu später mehr.

Wodurch wird Stress verursacht?

Wodurch nun gerät ein Hund unter Stress? Zunächst einmal können körperliche Stressoren vorliegen. Dies können z. B. Schmerzen durch akute Verletzungen, chronisch schmerzhafte Prozesse (Arthrosen) oder schmerzhafte Ausbildungsmaßnahmen (Leinenruck) sein. Auch Durst, der bei starker körperlicher Beanspruchung wie der Hütearbeit oder bei hohen Außentemperaturen schnell eintritt, erzeugt Stress, ebenso wie körperliche Überforderung, die auf Alter, Erkrankung, Kälte, Hunger oder Hormonschwankungen - etwa bei läufigen Hündinnen - zurück zu führen ist. Auch konditionelle Schwächen, Müdigkeit oder mangelnde Konzentrationsfähigkeit erzeugen Stress.

Dieses sind Situationen, mit denen man in der Hüteausbildung sehr oft konfrontiert wird. Besonders junge Hunde sind oft bezüglich Kondition und Konzentrationsvermögen nicht in der Lage, mehr als 10 - 15 Minuten Training durchzuhalten. Überschreitet man ihre Belastungsgrenze, so geraten sie in Stress. Gemäß dem Reaktionsmuster der 5 F = Flight – Fight – Freeze - Faint - Flirt  (entsprechend den 5 A = Abhauen – Angreifen – Angststarre – Abschalten - Albern sein) reagieren die Junghunde mit unerwünschtem Verhalten: sie beißen plötzlich in die Schafe (Fight = Angreifen), sie entziehen sich oder verlassen die Weide (Flight = Abhauen) oder sie springen kläffend mit hoher Rute herum (Flirt = albern sein). Dieses Verhalten durch rigoroses erzieherisches Einwirken unterbinden zu wollen, erhöht logischerweise den Stress des Hundes und führt schlimmstenfalls zu einer Art Endlosschleife aus Stress, Druck und Eskalation.

Psychische Stressoren

Neben den körperlichen Stressoren spielen auch psychische Stressoren eine Rolle. Selbst für den Menschen eher unauffällige bzw. "harmlose" Gegebenheiten der Umwelt können den Hund in Stress versetzen, insbesondere, wenn er so etwas noch nicht erlebt hat. Viele Handler kennen die Situation, wenn der Junghund bei seinem ersten Schafkontakt mehr an den spannenden Gerüchen auf der Weide und am Schafskot interessiert zu sein scheint als an den Schafen selbst. Einen Stressreaktion, die im Zusammenwirken mit mangelnder Konzentrationsfähigkeit - einem zusätzlichen Stressor - nun auch noch zu Konflikten mit dem Hundeführer und seinen Ausbildungsmethoden führen kann. Neben ungewohnten Gerüchen können auch Geräusche, unbekannte Objekte oder Lebewesen, die Geländegestaltung und selbst ungewohnte Lichtverhältnisse und Wetter Stress auslösend wirken. Oft beobachtet man z. B., dass bei starkem Wind Tiere, auch Hunde, viel nervöser und schreckhafter reagieren, dies hängt vor allem mit ihrer veränderten akustischen Raumorientierung zusammen. Selbst erfahrene Trialhunde reagieren irritiert (d. h. gestresst und dadurch unkonzentriert), wenn die Schafe statt auf einer Wiese auf einer Rapsstoppel gearbeitet werden und beim Laufen laute Geräusche erzeugen. Windräder, Motorgeräusche, Schüsse, Echos etc. können stressbedingte Auswirkungen haben. Oder man denke an die plötzliche unbefriedigende Arbeitsleistung von Junghunden, die statt auf ebener Fläche im hügeligen Gelände gearbeitet werden.  Die ungewohnten Schwierigkeiten beim Erhalten von Gleichgewicht und Lauftempo können im Zusammenwirken mit dem Stress durch schnellere Ermüdung zu unerwarteten Reaktionen des Hundes führen. Nicht zu vergessen die Schafe selbst, die für den Junghund bei seinen ersten Trainingseinheiten eine maximale Ablenkung darstellen, so dass er bekannte Kommandos kaum noch wahrnehmen und befolgen kann. Um später seine Aufmerksamkeit zwischen Schafen und Handler angemessen aufteilen zu können, benötigt der Junghund eine gewisse Routine. Sie zu erwerben gelingt am leichtesten, wenn die Trainingssituationen möglichst stressarm gestaltet werden. Nur so ist Lernen erwünschter Verhaltensweisen für den Junghund überhaupt möglich. Wie stark der Stress für den Junghund beim Training wird, hängt sehr entscheidend vom Verhalten der Schafe ab. Sowohl selbstbewusste Schafe, die möglicherweise aggressiv auf den Junghund zugehen, als auch flüchtige Tiere, die dem Hund keine Chance lassen, die Kontrolle über sie zu gewinnen, setzen den unerfahrenen Junghund stark unter Druck. Hier ist es Aufgabe des Hundeführers, Entlastung zu schaffen und nicht etwa durch zusätzliche soziale Stressoren (z.B. eine problematische Mensch-Hund-Beziehung), den Hund in eine ausweglose Situation zu bringen.

Der Einfluss des Hundeführers

Womit wir beim Einfluss des Hundeführers auf die Stressbelastung seines Hundes beim Training wären. Jeder hat es schon einmal erlebt: Man ist selbst angespannt und hektisch, und plötzlich scheint der Hund alles vergessen zu haben und macht nur noch „Blödsinn“. Nicht umsonst lautet eine sehr berechtigte Empfehlung:  „Wenn Du schlechte Laune hast, lass das Training lieber ausfallen, du machst sonst mehr kaputt als du dem Hund Nützliches beibringst“. Die Liste der Stress auslösenden Einflüsse durch den Hundeführer ist lang. Hektik, Anspannung, schlechte Laune, negative Stimmung, unklare Aufgabenstellung , unklare Signale, Druck als bevorzugtes Ausbildungsmittel, Unorganisiertheit oder Unstrukturiertheit des Hundeführers oder der Trainingssituation, zu viel oder zu wenig Hilfestellungen, zu wenig oder zu häufiges Verlangen von Wiederholungen, Überforderung des Hundes, aber auch des Hundeführers.

 Und hier kommen wir zu einer besonderen Schwierigkeit der Hüteausbildung.  Einem erfahrenen Handler wird es nicht schwer fallen, die eben genannten Stress auslösenden Faktoren zu vermeiden und so dem Hund eine angemessene Lernsituation zu bieten. Demgegenüber ist es für den menschlichen Hüteanfänger nahezu unvermeidlich, genau diese „Fehler“ zu machen und so den Hund in Stress zu versetzen. Unorganisiertheit, unklare Aufgabenstellung und Signale sind die logische Folge der mangelnden Erfahrung des Hundeführers, die eine jederzeit zutreffende Einschätzung der Hütesituation und ein Überblick behalten sehr schwierig macht. Eine nur geringfügig verzögerte Reaktion oder ein falsches Kommando bewirkt blitzschnell eine Änderung der Sachlage, was erneutes blitzschnelles Reagieren erfordert und unvermittelt zur Eskalation führen kann. Hier ist davon auszugehen, dass die Überforderung des Hundeführers in Folge eine Überforderung des Hundes verursacht. Ergeben sich derartig chaotische Verhältnisse beim Training öfter, ist zu erwarten, dass der Hundeführer jedes Training unter Anspannung und Hektik beginnt und so seinem Hund massiv Stress bereitet, was zu den bewussten „5 F“ führt, die wiederum die Belastung für den Hundeführer erhöhen.  Nicht zu vergessen ist die - durchaus verständliche - Anspannung des Hundeführers, der um das Wohlergehen der Schafe besorgt ist und Schaden von ihnen abwenden möchte, wobei er leider jedoch oft durch hektische Präventionsmaßnahmen und die Übertragung seiner eigenen Stressbelastung auf den Hund das Gegenteil seiner Absichten bewirkt. Genau aus diesen Gründen ist es bei der Hüteausbildung so ungemein wichtig, dass ein erfahrener und verständnisvoller Ausbilder das Anfängertraining so gestaltet und steuert, dass eine Überforderung von Hund und Hundeführer vermieden wird.

Die wichtigsten Arbeit – bzw. Trainingsstressoren aus Sicht des Hundes

- Ungewissheit über die verlangte Leistung durch unzureichende trainierte oder unklare Signale,

- Missverständnisse durch unterschiedliche Kommunikationsformen bei Mensch und Hund (Hund eher optisch, Mensch eher verbal) und / oder durch unbewusste (körpersprachliche oder verbale) Signale des Hundeführers,

- Misserfolg aus Sicht des Hundes dadurch, dass angeborenes oder erlerntes Verhalten nicht zum Ziel führt (genetisch fixiertes Ziel bei Border Collies ist das gemeinschaftliche Erlangen der Kontrolle über die Beute = Vieh),

- Angst, ausgelöst durch körperliche und /oder psychische Bedrohung.

Darüber hinaus spielen auch soziale Stressoren eine Rolle, so z. B. die Isolation durch dauerhafte Ausgrenzung (Zwingerhaltung) oder durch Entziehen der Aufmerksamkeit (unangemessenes  oder ungewohntes Ignorieren des Hundes). Auch ein Unterschreiten der Individualdistanz wie es in der Enge eines Zwingers oder einer Transportbox gegeben ist, bewirkt Stress, der sich anschließend negativ auf das Training oder die Arbeitsleistung des Hundes auswirkt.

Woran kann man Stress beim Hund erkennen?

Nachdem wir nun ausführlich die Faktoren betrachtet haben, die bei einem Hund während der Ausbildung Stress hervorrufen, bleiben zwei wesentliche Fragen offen: Woran kann ich erkennen, dass mein Hund tatsächlich unter Stress steht? Und - sehr entscheidend -: Wie kann ich unproduktiven Stress meines Hundes vermeiden?

Hazel ganz entspannt

Auch wenn es vielleicht seltsam klingt, so einfach ist das Erkennen von (negativem) Stress während der Hüteausbildung gar nicht. Im Gegensatz zur "normalen" Hundeausbildung, wo gemäß moderner Ausbildungsmethoden der Hund immer wieder durch Spiele oder Futterbelohnung in eine fröhliche, entspannte Gemütsverfassung gebracht werden kann, um so seine Lernleistung und Kooperationsbereitschaft zu fördern, zeigt sich in der Hüteausbildung ein ganz anderes Bild. Wir kennen es alle: schon bevor der Hund die Wiese betritt und die Schafe erblickt habt, weiß er genau, dass es jetzt ans Hüten geht und sein gesamter Körper verändert sich.

 

 

Was in anderen Situationen als typisches Stresssignal bei Hunden gilt - Einknicken in den Gelenken, schleichender Gang, Tiefhaltung der Rute, angespannte Mimik, zurückgelegte Ohren - gilt hier als Zeichen höchster Aufmerksamkeit und hoher Motivation für die Arbeit. Und das ist ja auch richtig so. Immerhin entspricht "Schafe hüten" der ursprünglichen Rudeljagd auf Großwild und dient damit der Lebenserhaltung. Eine Situation, die auch in der Wildnis sicher eher stressbeladen als entspannt ist. Dass die entsprechenden Merkmale, die erfahrungsgemäß beim Hüten zum Erfolg beitragen, wie "Auge zeigen" oder "Stil", züchterisch verstärkt wurden, führt dazu, dass sie häufig bzw. von fast allen Border Collies gezeigt werden.

Hazel im Einsatz

  Kein Stress, nur gespanntes Arbeiten.

 

Bellen als Stresssymptom

Andere typische Stresssignale bei Hunden sind auch in der Hüteausbildung leicht zu erkennen, so zum Beispiel das Bellen. Während bei anderen Hütehundrassen durch züchterische Selektion das Bellen als ihre "Waffe" im Umgang mit Großvieh im genetischen Programm verankert wurde, ist es beim Border Collie fast immer ein Alarmsignal. Beim jungen unerfahrenen Hund wird es gelegentlich in seiner ursprünglichen Funktion als Warnruf gezeigt: "Kommt alle her und helft mir, hier ist etwas Unbekanntes!" und gleichzeitig: " Geh weg, du böses unbekanntes Ding!" In diesem Fall lässt sich die Situation leicht klären: nach ein paar Runden um die Schafe mit wohlwollender Unterstützung des Handlers, der seinem „Azubi“ beweisen kann, dass die "bösen" Schafe ja tatsächlich Angst vor dem Hund haben und weglaufen, wird der Junghund das Bellen von ganz allein seinlassen. Bellt der Hund später während der weiteren Ausbildung oder während des Arbeitens, sollte man sorgfältig ergründen, wo das Problem liegt. Möglicherweise lassen sich die Schafe nicht ausreichend vom Hund bewegen und - da er nicht beißen möchte - versucht er eben durch Bellen, sich durchzusetzen. Dabei wird der Hund durchaus Stress empfinden, da sein Ziel, die Schafe zu bewegen, zunächst nicht durchsetzbar ist: er befindet sich in einer Konfliktsituation. Daher muss man dieses Bellen durchaus als Stresssignal deuten, woraus folgt, dass es nicht besser damit wird, wenn man dem Hund noch mehr Stress macht.

 

Das Bellen des Langhaarcollies beeindruckt das Schaf wenig. 

 

Eine andere eindeutig stressbeladene (und stresserzeugende!) Art des Bellens ist das leidige Gekläff der Hunde, die noch warten müssen. Hier handelt es sich um ein pures Stresssignal, entstanden aus dem Konflikt einer maximalen Arbeitsmotivation mit der gleichzeitigen erzwungenen Inaktivität. Auch wenn hier durch geschickte Erziehungsmaßnahmen Abhilfe geschaffen werden kann, muss leider gesagt werden, dass das Ausmaß der Frustrationstoleranz eines Hundes zu einem Teil von seiner Genetik, aber vor allem von der frühen Aufzuchtphase (ab dritter Lebenswoche) abhängt. Auch sollte man nicht aus den Augen verlieren, dass der Hund in erster Linie Arbeitseifer und nicht so sehr Ungehorsam zeigt. Darüber hinaus hat das Bellen eine physiologische Wirkung, die durch Hormonausschüttung zu einer Beruhigung und Entlastung des Hundes führt, also selbstbelohnend und selbstverstärkend ist. Daher kann es bei entsprechend veranlagten Hunden schon etwas aufwändiger sein, die passende Lösung für das Bellproblem zu finden.

Denkblockade oder Ungehorsam?

Ein weiteres Stresssignal, das auch uns Menschen vertraut ist, sind Denkblockaden - bis hin zum Black-out. Wohlbekannt bei Border Collies ist die Futterverweigerung, sobald Vieh (oder auch Spielzeug, Sportgeräte etc.) in Sicht ist. Wenn auch diese Reaktion logisch erscheint - während der Jagd braucht man nichts zu fressen -, so trifft man doch während der Hüteausbildung auch auf andere Arten von Denkblockaden. Häufig ist zu beobachten, dass, wenn der Hund müde wird, er keine Kommandos mehr unterscheiden oder annehmen kann. Wenn der Junghund, der eine Viertelstunde lang ordentlich gearbeitet hat, plötzlich das „Lie down“ nicht mehr nimmt, kann man davon ausgehen, dass er geistig zu müde ist, um diesen Input noch verarbeiten zu können. Es handelt sich also um eine stressbedingte Denkblockade und nicht um bloßen Ungehorsam. Ähnliche Probleme treten auf, wenn der Hund mehrere neue Kommandos erlernen soll oder wenn durch unkooperatives Verhalten der Schafe die Aufmerksamkeit des Hundes beansprucht wird und er gleichzeitig noch nicht "automatisierte“ Kommandos ausführen soll.

Die Konkurrenz der Stressoren

Ebenfalls typisch für Border Collies ist ihre überdeutliche Mimik und Gestik, wenn es um soziale Interaktion gibt. Unterwürfiges und beschwichtigende Verhalten wird oft und auch bei geringfügigem Anlass gezeigt, ohne dass der Hund dabei zwangsläufig Stress empfindet. Auch hier ist es recht schwierig, die Unterschiede im Verhalten bei der Arbeit und in der "Freizeit" richtig zu deuten. Im täglichen Leben reicht oft ein freundlich gesprochenes "Lie down" und der Border Collie "bricht zusammen", wenn ein Labrador vielleicht nicht mal das Ohr drehen würde. Derselbe Border Collie im Hüteeinsatz ist aber möglicherweise erst bei maximaler Lautstärke dazu zu bewegen, sich hinzulegen. Hier haben wir es mit einer Art „Konkurrenz der Stressoren“ zu tun: die "Beute" Schaf kann massiven Stress erzeugen, wenn es dem Hund so scheint, als wenn sie entkommen würde oder sich seiner Kontrolle entziehen könnte, ganz abgesehen von der Bedrohung, die von wehrhaften Schafen ausgehen kann. Der andere Stressor - das Wortkommando oder der Pfiff -, der den Hund in seinen Aktionen hemmt, erschwert möglicherweise - aus Sicht des Hundes - die gemeinschaftliche Kontrolle über die "Beute". Der Hund sieht sich also gezwungen, je nach Dringlichkeit entweder auf die Situation, das heißt die Schafe, oder aber auf das Kommando zu reagieren. Man kann sich die Situation fast wie ein Telefongespräch in modernen Zeiten vorstellen: wenn ich ein super wichtiges Telefonat führe, ist es mir momentan egal, ob gleichzeitig das Handy klingelt. Erwarte ich dagegen ein wichtiges Gespräch auf dem Handy, so werde ich das andere Telefonat schnell beenden. Unnötig zu sagen, dass auf derselben Leitung sowieso nur ein Gespräch gleichzeitig durchgestellt werden kann. Da ist es manchmal schon bewundernswert, wie gut unsere Hunde in der Lage sind, zwischen einer Flut von "Telefongesprächen" (gleich Sinneseindrücken) hin und her zu schalten und dabei nicht den Überblick zu verlieren. Auf jedem Trial vor jedem Treibtor kann man das immer wieder beobachten.

Den Überblick und die Kontrolle zu behalten, ist gar nicht so leicht, gelingt mit Unterstützung dann aber doch.

Langhaarcollie beim Hüteanlagentest.

Das Verhalten des Hundes in Konfliktsituationen : die "5 F"

"Faint" = Abschalten und "Freeze" = Angststarre

Auch das Verhalten des Hundes in einer Konfliktsituation, insbesondere wenn diese Angst auslöst, kann wichtige Hinweise auf die Stressbelastung des Hundes geben. Wie bereits oben angesprochen, reagieren Hunde in Furcht auslösenden Situationen oder Konflikten mit den "5 F der Furcht", die man durchaus auch bei der Hüteausbildung beobachten kann. Mir persönlich bei Hunden noch nie begegnet ist das „Faint“, was abschalten oder ohnmächtig werden bedeutet. Vielleicht ist das "tot stellen" eines Schafes auf dem Trialparcours etwas Ähnliches. Dabei versucht ein erschöpftes oder nicht ganz fittes Schaf, dem Hund zu entkommen, indem es sich einfach fallen lässt, in der Hoffnung, dass der Hund die weiterrennenden Kollegen verfolgt. Ob dies tatsächlich eine physiologische Stressreaktion oder eine ausgefeilte Überlebensstrategie ist, ist schwer zu entscheiden. Eher zu beobachten ist bei Hunden schon das "Freeze“, d.h. die Angststarre. Auch bei Begegnungen fremder Hunde kann es sein, dass der eine einem möglichen Konflikt zu entgehen versucht, indem er völlig reaktionslos und unbeteiligt stehen bleibt. Passiert etwas Ähnliches während der Hüteausbildung, so würde man vermutlich den Hund als stur oder abgestumpft bezeichnen und noch energischer auf ihn einwirken, was zu noch größerer Erstarrung führt. Eine Eskalation droht. Bezeichnend ist, dass man den Hund nur leise und freundlich anzusprechen braucht, um ihn aus seiner Starre zu "wecken". Reagiert er nun mit deutlichen Beschwichtigungsgesten - wedeln, sich winden, sich klein machen - so kann man sicher sein, dass die Starre eine Stressreaktion war.

"Flirt" = Albernsein

Ebenfalls eher selten zu beobachten ist das „Flirt“, also das Albernsein. Allerdings könnte man die hoch getragene Rute eines aufgeregten Junghundes und sein hektisches Herumhüpfen durchaus als pure Stressreaktion wert. Auch die gelegentlich zu beobachtende Spielaufforderung des Junghundes an den Handler, den Hilfshund oder sogar die Schafe kann man der unbekannten Situation und dem damit verbundenen Stress zuschreiben. Eigentlich ein sympathischer Zug, dass der Hund versucht, seinen inneren Konflikt spielerisch und mit friedlichen Mitteln zu lösen, anstatt wie manch anderer Hund das Reaktionsmuster „Fight“ zu zeigen.

 

Selten sieht man das Stressreaktionsmuster "Flirt" so deutlich wie bei diesem Hund aus der Notvermittlung, der hier auf seine Hüteveranlagung getestet werden soll.

"Fight" = Angreifen

Diese Stressreaktion ist (leider) oft bei der Hüteausbildung zu beobachten. Dabei ist in der Regel nicht der Mensch der Angegriffene, sondern der Hund attackiert die Schafe. Er leitet gewissermaßen den auf ihm lastenden Druck an die Schafe weiter. Aus diesem Grunde ist es oft so erfolgreich, Attacken eines unerfahrenen Junghundes zunächst zu ignorieren. Entspannt sich die Situation und gelingt es, dem Junghund Überblick und Sicherheit in seinem Tun an den Schafen zu vermitteln, so besteht für ihn sehr schnell kein Anlass mehr, Schafe zu beißen. Hätte man in dieser Situation energisch durchgegriffen und den Hund mehrfach heftig korrigiert, so bestände durchaus die Gefahr einer Fehlverknüpfung zwischen der Hütesituation als solcher und der daraus resultierenden vermeintlichen Bedrohung des Hundes durch den Hundeführer. Für den Hund ist es völlig unverständlich, warum sein "Jagdpartner" ihn plötzlich „angreift“. Die Folge wäre - neben einem fast unvermeidlichen Vertrauensverlust - eine verstärkte Stressbelastung des Hundes, möglicherweise schon beim bloßen Betreten der Weide, was zu immer häufigeren und heftigeren "Entlastungsattacken" des Hundes führt, die schwer zu beherrschen sind. Selbstverständlich muss der Hund daran gehindert werden, die Schafe zu verletzen oder unverhältnismäßig zu stressen, insbesondere wenn seine ersten hilflosen Attacken kein harmloses Wollefassen sind. Aber es ist von entscheidender Bedeutung, dass man einen Weg findet, das Verhalten des Hundes effektiv zu verändern, und dabei ist es in der Regel nicht erfolgreich, Stressreaktionen durch noch mehr Stress tilgen zu wollen.

 "Flight" = Abhauen

Wobei Ausnahmen die Regel bestätigen. Das absolut ungeliebte Stressreaktionsmuster „Flight“ (gleich Abhauen) zeigt ein Hund, der sich dem Stress während des Hütens entzieht, indem er über den Zaun springt, die Weide verlässt oder sich im Stall versteckt. Manche Handler neigen dazu, dieses als persönliche Beleidigung zu empfinden, andererseits ist es wirklich nicht schön, plötzlich mit den Schafen allein dazustehen, wenn man auf die Hilfe des Hundes angewiesen wäre. Daher ist es wohl gängige Praxis, dem Hund bei „Fahnenflucht“ so viel Stress zu bereiten, dass er schließlich den Weg des geringeren Widerstands geht und sich lieber mit den Schafen auseinandersetzt als mit seinem wütenden Ausbilder. Auch wenn diese Strategie gelegentlich zum Erfolg führen kann, so hat sie doch so manchen hoffnungsvollen Nachwuchshund dauerhaft (oder für diesen Ausbilder) nutzlos für die Schafarbeit gemacht. Wesentlich sinnvoller wäre es herauszufinden, womit der Hund so viel Stress hat, dass ihm nur die Flucht bleibt und dann entsprechend die Ausbildungs- oder Arbeitsituation zu verändern. Sicher hilft es, sich klarzumachen, dass das Verhalten des Hundes kein Charakterfehler an sich, sondern eine von fünf verschiedenen angeborenen Stressbewältigungsstrategien ist. Nicht vergessen sollte man jedoch, dass jedes Verhalten häufiger gezeigt wird, wenn es zum Erfolg führt. In diesem Fall würde der Hund, der sich der ungemütlichen Trainingssituationen entzieht und nach Hause läuft - und dort vielleicht sogar "getröstet" wird - lernen, dass Weglaufen seinen Stress sehr schnell reduziert. Er wird diese erfolgreiche Strategie beim nächsten Mal wieder zeigen, vielleicht sogar bei geringerer Veranlassung. Überflüssig zu erwähnen, dass es völlig sinnlos ist, zehn Minuten später den Hund wutschnaubend von zuhause abzuholen und wieder zur Arbeit zu zerren. Alles was er dabei lernen würde, wäre, dass Menschen unberechenbar sind und dass die Arbeit an den Schafen nur mit Stress, Angst und Frust verbunden ist, ein wenig erstrebenswertes Trainingsergebnis. Ob man die Geduld und das Geschick besitzt, ein solch störanfälliges Exemplar von Hütehund weiter auszubilden und zu führen, muss jeder für sich selbst entscheiden. Sicher kann man argumentieren, dass zu einer guten Hüteveranlagung eben auch die "Trainierbarkeit" gehört, die man in diesem Zusammenhang als geringe Stressanfälligkeit und damit geringe Neigung zu Reaktionen gemäß der „5 F“ beschreiben kann.

Calming Signals - Beschwichtigungsgesten zur Konfliktvermeidung

Zum Abschluss soll auf die lange Liste von Beschwichtigungsgesten eingegangen werden, über die Hunde verfügen. Hunde sind, ebenso wie Wölfe, als sozial lebende Raubtiere darauf angewiesen, Konflikte untereinander möglichst zu vermeiden anstatt sie aggressiv auszutragen, denn jede bei Streitigkeiten auftretende Verletzung gefährdet das Überleben des Rudels. Daher haben sie ein umfangreiches Repertoire an kommunikativen Signalen entwickelt, die dazu dienen, Konflikte zu entschärfen und Spannungen abzubauen. Diese auch als Calming Signals bezeichneten Beschwichtigungsgesten wurden von der norwegischen Hunde-Expertin Turid Rugaas Ende der 1980er Jahre intensiv erforscht und seitdem (gelegentlich kontrovers) diskutiert und in der Hundeausbildung genutzt. Beschwichtigungsgesten werden als gerichtetes Signal gegenüber dem Sozialpartner (Hund oder Mensch) unabhängig von der Rangposition gezeigt. Sie sind nicht gleichbedeutend mit Unterwerfungs- oder Demutsgesten, können also auch durchaus vom Ranghöheren zur Entspannung einer stressbeladenen Situation benutzt werden. Ähnliche Gesten werden aber auch als ungerichtetes Signal als Reaktion auf Stressoren aus der Umwelt gezeigt, in diesem Fall spricht man oft auch von Übersprungshandlungen. Zu den Beschwichtigungsgesten zählen: blinzeln, den Kopf abwenden, den Blick abwenden, sich vollständig abwenden, Maulschlecken, erstarren, langsame Bewegungen, Schwanzwedeln, Vorderkörpertiefstellung, hinsetzen, hinlegen, im Bogen gehen, die Pfote heben, das Gesicht glatt ziehen, dazwischen gehen/splitten, mit den Lippen schmatzen, lächeln („submissive grin“). Und schon erkennen wir ein mögliches Konfliktpotenzial während der Hundeausbildung: für einen Hund ist es potentiell bedrohlich und daher höchst unangenehm, wenn ein anderer Hund schnell auf ihn zugerannt kommt, es sei denn, dieser zeigt deutliche Beschwichtigungssignale. Für den Hundausbilder ist es dagegen höchst erfreulich, wenn sein Hund schnell auf ihn zugerannt kommt, nachdem er ihn gerufen hat. Ist der Ausbilder nun aus irgendeinem Grund angespannt – z.B. weil der Hund nicht beim ersten Kommando gehört hat - so wird der Hund sich große Mühe geben, auf diese Befindlichkeit Rücksicht zu nehmen und wird versuchen, einen Konflikt zu vermeiden, indem er betont langsam und vielleicht im Bogen auf seinen Menschen zugeht. Leider wird er damit das genaue Gegenteil erreichen. Ein klassisches Missverständnis, fast wie das zwischen Katze und Hund, bei dem der Hund Schwanzwedeln als freundliche Geste versteht, während die Katze damit Angriffsstimmung signalisiert. Kein Wunder, dass der Hund die Katze für eine hinterhältige Lügnerin hält, wenn sie ihn nun attackiert. Glücklicherweise sind wir Menschen eher in der Lage, "Fremdsprachen" zu erlernen und daher zu erkennen, was das Verhalten des Hundes uns mitteilen soll. Im Fall der Beschwichtigungsgesten können wir also den Schluss ziehen, dass irgendetwas an der aktuellen Situation dem Hund Stress bereitet, er aber auf keinen Fall mit uns darüber in Streit geraten möchte.

Blickkontakt vermeiden Blick abwenden Ohren zurücklegen Die Alternative zur Beschwichtigung:
        angedeutetes Drohen

Fly findet das Kameraauge beim Fotografiert-Werden zunehmend gruselig.
Sie probiert die ganze Palette von Signalen aus, um dies mitzuteilen.

Kopf abwenden Züngeln Vorderkörper abwenden Sich möglichst klein machen

Übersprungshandlungen sind kein Ungehorsam

Ähnliches gilt für Übersprungshandlungen wie markieren, am Boden schnüffeln, Gras fressen, Zweige vom Boden aufheben, sich kratzen/lecken/beknabbern und gähnen. All dies sind keine Zeichen von Desinteresse, Langeweile oder Ungezogenheit, sondern schlichtweg Mitteilungen des Hundes, dass er sich in einem Konflikt befindet und nicht weiß, was er tun soll. Speziell das Grasfressen (es kann auch Schafskot sein) sieht man gelegentlich in der Hüteausbildung, wenn der Hund mit seiner aktuellen Aufgabe überfordert ist, dabei aber trotzdem Willens ist weiterzuarbeiten. Auch der Junghund, der bei seinem ersten Schafkontakt oder auf einem Hüteseminar nur am Boden schnüffelt und Grasbüschel markiert, ist nicht unbedingt ungeeignet für seinen Job, sondern vielleicht nur von den neuen Eindrücken überwältigt, weil er bisher wenig Erfahrungen mit unbekannten Situationen machen durfte. Seine Körpersprache ist ein wichtiges Mittel der Kommunikation, sofern man diese nicht als reine Befehlsübermittlung missversteht. Das Verhalten des Hundes gibt uns also wichtige Hinweise darauf, wie wir bei seiner Ausbildung vorgehen sollten, um unproduktiven und lernbehindernden Stress zu vermeiden.

Wie kann Stress während der Hütehundausbildung vermieden werden?

Erster Schritt : die Sozialisierungsphase beim Welpen

Der erste und bei weitem wichtigste Grundstein zur Stressvermeidung während der Hüteausbildung wird bereits durch den Verlauf der Verhaltensentwicklung beim jungen Welpen gelegt. In dieser Phase (4. bis 10. Lebenswoche) wird nicht nur festgelegt, welche Umwelteinwirkungen der Welpe in seinem späteren Leben als stressbeladen erleben wird, sondern es werden Verhaltensmuster entwickelt, wie der Welpe/Hund in Stresssituationen reagieren und wie er diese verarbeiten wird. Einen Großteil dieses - meist Sozialisierungsphase genannten - sensiblen Zeitraums verbringt der Welpe jedoch in der Regel beim Züchter, so dass dieses umfangreichen Thema an anderer Stelle unter mehr züchterischem Blickwinkel betrachtet werden soll.

Stressvermeidung hilft Hund und Mensch

Betrachten wir aber nun das Thema Stressvermeidung aus Sicht des Hütehundeausbilders. Unabhängig davon, ob es um das Training eines selbst aufgezogenen oder eines zugekauften Hundes oder um die Ausbildung eines fremden Hundes samt Besitzers geht, die Situation ist dieselbe: Stress während des Trainings behindert die Lernleistung und damit den Ausbildungserfolg, und dies gilt gleichermaßen für Hund und Mensch. Das gelegentlich auf Hüteseminaren zu beobachtende Szenario, bei dem ein durch Stress und Überforderung handlungsunfähiger Hundebesitzer hilflos zusieht, wie sein ebenso gestresster und überforderter Hund in blindem Aktionismus zu retten versucht, was nicht zu retten ist, ist in mehrfacher Hinsicht für alle Beteiligten bedauerlich, und nicht nur wegen der vergeudeten Seminargebühr. Dabei könnten solche Probleme bei Kenntnis der Zusammenhänge und entsprechender Planung - und bei einem gerüttelt Maß Einfühlungsvermögen - weitgehend vermieden werden. Genau so eben, wie es viele qualifizierte Ausbilder der ABCD e.V. tagtäglich tun! Aber auch der Handler, der mit dem eigenen Hund zum Training auf die Wiese geht und eben noch nicht über jahrelange Erfahrung verfügt, kann einiges tun, um sich und seinem Hund - und nicht zu vergessen den Schafen - das Leben leichter zu machen.

Die Grundpfeiler der Stressvermeidung: strukturiertes Training und eindeutige Kommunikation

Konzentrieren wir uns dabei zunächst auf den Hund. Die Pfeiler der Stressvermeidung während der Ausbildung sind - neben der bereits genannten Phase der Verhaltensentwicklung - ein strukturiertes Training und eine eindeutige Kommunikation. Zusätzlich ist bereits im Vorfeld zu überlegen, was zu tun ist, wenn der Hund trotz aller Sorgfalt Stresssymptome zeigt, auch dieser Schritt dient der Vermeidung einer weiteren oder eskalierenden Stressbelastung. Nun sollte man meinen, dass zu jeglicher Hüteausbildung sowohl ein strukturiertes Training als auch eine eindeutige Kommunikation gehört. Allerdings gibt es dabei sicher ebenso viele Methoden wie es Ausbilder gibt, und das ist auch gut so. Erstaunlicherweise führen gänzlich unterschiedliche Methoden zu vergleichbar guten Endergebnissen, so dass es letztlich Sache des Hundeführers ist zu entscheiden, auf welchem Weg er mit seinem Hund auf das angestrebte Ziel hinarbeiten will. Es gilt also zunächst, verschiedene Trainer und ihre Methoden anhand gezielter Fragen in Bezug auf ein strukturiertes Training zu überprüfen.

Fragen zur Erfassung der Trainingsstruktur

Das Ausbildungsziel

Die erste Frage lautet: Was soll der Hund lernen? Hinter dieser "harmlosen" Frage lauern viele verschiedene Antworten mit weitreichenden Auswirkungen. Soll der Hund Schafe hüten lernen oder soll er später mit Milchvieh oder sogar mit Mutterkühen arbeiten? Soll er eine Hobbyherde von 15 Heidschnucken managen oder soll er in einer Koppelschafherde von 400 Texelmuttern eingesetzt werden? Soll er ausschließlich zuhause arbeiten oder soll er nebenbei auch Trials laufen oder soll er auf Trials in der höchsten Leistungsklasse erfolgreich mitmischen? Und nicht zuletzt, soll der fertig ausgebildete Hund seine Aufgaben mit minimaler Anleitung möglichst selbstständig erledigen oder soll er grundsätzlich unter ständiger Signalkontrolle und präziser Kommandoführung arbeiten? Nicht jeder Ausbilder und nicht jede Methode wird die genannten Ziele gleichermaßen erfolgreich bedienen, daher ist es sinnvoll, um Ungewissheit, Missverständnisse und letztlich Misserfolge zu vermeiden, sich genau über seine eigenen Ziele klar zu werden und diese mit potentiellen Ausbildern zu thematisieren. Dass nicht jeder Hund aufgrund seiner Genetik dazu befähigt ist, jedes der genannten Ziele zu erreichen, sollte allerdings klar sein und muss unbedingt berücksichtigt werden. Aber dies ist ein anderes, sehr komplexes Thema. An dieser Stelle sei nur soviel gesagt: die Fehleinschätzung der genetische Veranlagung des Hütehundazubis führt unweigerlich zu Über- oder Unterforderung und damit zu Stress, der den Ausbildungserfolg mindert. Eine an die Individualität des Hundes angepasste Ausbildungsmethode hingegen ermöglicht es, seine Veranlagung voll auszuschöpfen.

Die Ausbildungsmethode

Die zweite Frage lautet: Wie oder auf welchem Weg kann das Trainingsziel erreicht werden? Die Antworten auf diese schlichte Frage füllen zahlreiche Bücher und neuerdings DVDs, so dass ich hier auf jegliche Stellungnahme verzichten muss. Die Empfehlung an den Neuling in der Hüteausbildung kann daher nur lauten: man nehme zunächst als aufmerksamer Zuschauer an verschiedenen Hüteseminaren oder Trainings teil und entscheide dann, welche Trainingsmethode dem eigenen Naturell und Wissensstand am besten entgegenkommt. Im zweiten Schritt und durch praktisches Erproben kann man dann feststellen, ob auch der eigene Hund hier gut aufgehoben ist.

Die Art der Belohnung

Und damit kommen wir gleich zur dritten Frage im Bezug auf die Struktur der  Ausbildung: Womit und wie wird der Hund belohnt? Aus anderen Bereichen der Hundeausbildung sind vielfältige Möglichkeiten der Belohnung bekannt, angefangen vom Nachlassen des Schmerzes beim Lockern des Stachelwürgers, über den Einsatz von Spielzeug oder Futterbelohnung bis hin zum Zulassen eines erwünschten Verhaltens (z.B. Spielen mit Artgenossen) oder verbalem Lob. Gerade in der Diensthundeausbildung wird in neuerer Zeit überwiegend mit Spielzeug (= Ersatzbeute) gearbeitet, um zuverlässige Drogen- oder Sprengstoffspürhunde etc. auszubilden. Eine Auswahl von Klickern

Im Hundesport wird, ebenso wie beim medical-training von Zootieren, sehr erfolgreich mit dem Klickertraining gearbeitet. Hierbei wird auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse ein konditionierter, sekundärer Verstärker (der "Klicker") eingesetzt, der die eigentliche Belohnung (den primären Verstärker wie Futter, Spiel etc.) ankündigt. Nähere Infos findet man zum Beispiel hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Klickertraining. Da ein erfolgreiches Klickertraining davon abhängt, dass der Hundeführer vollständige Kontrolle über den (primären) Verstärker – hier die Schafe - hat und ihn gezielt einsetzen kann, ist die Anwendung des Klickers in der Hüteausbildung unmöglich oder zumindest stark umstritten.

Hütearbeit ist selbstbelohnend

Womit wir wieder bei der Ausgangsfrage sind: Womit belohnte ich (bzw. mein Ausbilder) einen Hütehund bei der Arbeit? Tatsächlich hat man oft den Eindruck, dass nach dem Grundsatz gehandelt wird: "Nicht geschimpft ist gelobt genug." In vielen Fällen funktioniert diese Strategie auch, denn seit Generationen wird bei der Zucht von Hütehunden, speziell Border Collies, größter Wert darauf gelegt, dass es für den Hund nichts Größeres gibt, als Schafe arbeiten zu dürfen. Anders gesagt hat man züchterisch einen stark übersteigerten Beutetrieb erzeugt, der zu einer hohen Eigenmotivation des Hundes bei Anwesenheit der Beute (= Schafe) führt: die Hütearbeit ist selbstbelohnend geworden. Praktisch gesehen führt das dazu, dass man während der Anfangsausbildung zunächst mehr damit beschäftigt ist, die "freiwilligen" Aktivitäten des Hundes zu bremsen oder zumindest zu regulieren, dadurch wirkt jedes Zulassen von Eigenaktivität als Verstärker, also als Belohnung. Je mehr die gezeigten Aktivitäten dem erwünschten Verhalten entsprechen, umso mehr darf der Hund ungestört arbeiten, so dass schließlich die Arbeit eine einzige große Belohnung wird. Bei Hunden, die richtig "keen" sind, ist damit jede weitere Belohnung - selbst ein Lob - überflüssig. Trotzdem sollte man - vor allem als Hüteanfänger - nicht auf verbales Lob verzichten, denn es kann die Kommunikation mit dem Hund deutlich erleichtern, insbesondere, wenn die eigene Körpersprache noch nicht ausreichend kontrolliert ist. Allerdings gibt es hier große Unterschiede zwischen einzelnen Ausbilder, die mal mit viel, mal ganz ohne verbales Lob arbeiten möchten. Dies gilt es im Vorfeld herauszufinden. Nicht verschwiegen werden soll an dieser Stelle, dass verbales Lob gelegentlich dazu führt, dass der Hund das gelobte Verhalten beendet und etwas eher Unerwünschtes tut. Oft zitiertes Beispiel ist das Loben für das langsame Treiben, das der Hund in der Regel durch Beschleunigung beantwortet oder das Aufspringen, nachdem man den Hund für das Hinlegen gelobt hatte. Beim Klickertraining ist diese Erscheinung völlig normal, es gilt der Grundsatz: die Bestätigung (der Klick, das Lob) beendet das Verhalten. Bei der Hütearbeit kann dies jedoch zu Schwierigkeiten führen, da solche Aktionen des Hundes eine Reaktion der Schafe bewirken, die wiederum eine Reaktion des Hundes provoziert. Mit dem richtigen Timing und viel Fingerspitzengefühl ist jedoch auch diese kleine Schwierigkeit zu lösen.

 

Ein schönes Beispiel dafür, wie das Arbeiten-Dürfen als Verstärker wirkt, erlebt man oft beim Outruntraining. So mancher Hund "vergisst" sein Rückrufsignal vollständig, wenn der Hundeführer das Training beenden möchte. Erkennt der Hund jedoch aus Position und Körpersprache des Hundeführers, dass er nach dem Rückruf auf einen Outrun geschickt werden soll, so kommt er wie eine Kanonenkugel angeschossen, um dann mit großer Begeisterung genau dahin zu laufen, von wo er soeben abgerufen wurde. Hier wirkt zusätzlich ein anderes nützliches Prinzip: das Ausführen einer positiv besetzten Handlung (hier der Outrun) verstärkt die davor stattfindende Handlung (hier den Rückruf), ein System, das sich auch anderwärtig beim Training anwenden lässt, z.B. zum Erzielen eines zuverlässigen Stopps beim Treiben.

 

Dauer der Trainingseinheit

Zu einem strukturierten Training gehört auch eine treffende Antwort auf die Frage: Wie lange kann der Hund arbeiten? Grundsätzliche Überlegungen hierzu wurden bereits am Anfang des Artikels angestellt. Und natürlich muss diese Frage jeden Tag neu aufgrund der aktuellen Situation beantwortet werden, hierbei spielen Alter und Ausbildungsstand des Hundes, Häufigkeit des Trainings, Gesundheitszustand, eventuelle Läufigkeit, Wetter, Temperatur, Befindlichkeit der Schafe, aktuelles Trainingsziel und nicht zuletzt die Stimmung des Ausbilders eine Rolle. Meistens gilt "weniger ist mehr", d.h. häufigere kurze Trainingseinheiten sind erfolgreicher als seltene lange. Allerdings muss auch hier - wie eigentlich immer - der jeweilige Hund und seine Veranlagung berücksichtigt werden.  Es gibt durchaus Hunde, die erst nach 10 bis 15 Minuten bewegungsreicher Arbeit aufnahmebereit für Kommandos und für neue Lerninhalte sind, während andere Hunde dann bereits geistig zu erschöpft sind, um noch etwas Neues zu lernen. Und nicht vergessen werden darf, dass auch die Konzentrationsfähigkeit des Hundeführers begrenzt ist und nicht überstrapaziert werden sollte.

Lernen geschieht situationsbezogen.

Eine weitere Frage lautet: Welche Arbeitsumstände kennt der Hund? Inzwischen hat es sich wohl herumgesprochen: wenn der kleine Welpe in der Küche vorm Füttern schon artig "Platz" machen kann, bedeutet das noch lange nicht, dass er es auch draußen auf der Straße tun wird. Warum? Ganz einfach, Hunde lernen situationsbezogen. Das merkt man spätestens dann, wenn man mit dem eigenen, eigentlich gut vorbereiteten Hund erstmals auf einem Seminar oder einem Trial antritt. Alles, was zuhause fast hundertprozentig klappt, gelingt auf fremder Fläche und an fremden Schafen nur noch zu maximal 50%. Irgendwie hat man den Eindruck, dass der Hund alles vergessen hat. Dabei hat man selber nur vergessen, dem Hund beizubringen, dass die bekannten Kommandos auch in neuen Situationen dasselbe bedeuten und genauso zum Erfolg führen. Für das Training bedeutet dies, ganz gezielt auch unter veränderten Bedingungen zu trainieren. Dies kann auch zuhause geschehen, indem man zum Beispiel eine andere Schafgruppe zum Training verwendet, unbekannte Gegenstände auf der Weide platziert, Futter für die Schafe auslegt und so einen Zugpunkt erzeugt, einen Teil der Herde pfercht und die andere Gruppe davon wegarbeiten lässt oder den Nachbarn fragt, ob man einmal auf seinem abgeernteten Feld üben darf. Kurzzeitig kann auch das Aufstellen von Toren eine neue Trainingssituation schaffen. Wie oft kann man auf Klasse-1-Trials beobachten, dass Junghunde völlig verwirrt sind, wenn sie auf der Treibstrecke zehnmal mehr Seitenkommandos zu hören bekommen als sonst, um nur ja das Tor nicht zu verpassen. Dabei könnte man dies doch wunderbar auch zuhause geübt haben. Und um noch einmal auf die Frage nach der Wahl des geeigneten Trainers zurückzukommen, soll auch darauf hingewiesen werden, dass es von großem Vorteil sein kann, wenn sich die Trainingsschafe des Ausbilders (oder Seminargastgebers) deutlich von den eigenen unterscheiden. Ruhige, routinierte Trainingsschafe können es dem menschlichen Hüteanfänger ungemein erleichtern, den Überblick zu behalten und gezielter auf seinem Hund einzuwirken. Nur sollte man dann nicht erwarten, dass die erreichten Fortschritte sich an den eigenen - vielleicht besonders sturen oder besonders flüchtigen - Schafen sofort nachvollziehen lassen.

Die Anwesenheit des Ausbilders und ihr Einfluss

Ebenfalls zu den Arbeitsumständen gehört die Anwesenheit eines kompetenten - und daher meist "dominant" auftretenden - Ausbilders. Viele Hunde reagieren auffallend artig und leichtführig, wenn jemand anwesend ist, der die Situation und besonders die Schafe erkennbar "im Griff" hat. Sehen sie sich jedoch genötigt, selbst die Verantwortung für das Hütegeschehen zu übernehmen, da ihr eigener Hundeführer mangels Erfahrung unsicher oder zu passiv auftritt, so steigt erkennbar der Stresspegel des Hundes und von einem strukturierten Training ist nicht mehr viel zu sehen. Hiervon sollte man sich als Hüteanfänger jedoch nicht entmutigen lassen. Jede bei Anwesenheit des Ausbilders gelungene Aktion prägt sich dem Hund als positives Erlebnis ein und wird dadurch leichter reproduzierbar. Und auch der Hundeführer erhält so im Laufe der Zeit ein Gefühl dafür, wie es aussehen soll und kann beim selbstständigen Training darauf hinarbeiten.

Die Anzahl der Wiederholungen

Die letzte Frage, an der sich ein strukturiertes Training messen lassen muss, ist: Wie häufig wurde wiederholt? Aus wissenschaftlichen Untersuchungen ist bekannt, dass bestimmte Handlungen Hunderte von Malen wiederholt werden müssen, um automatisiert und zuverlässig auf Signal abrufbar zu sein. Diese Erkenntnis widerspricht scheinbar den Erfahrungen, die bei der Hüteausbildung von Border Collies gemacht werden. Oft erlebt man, dass ein Junghund, der zuverlässig situationsbezogen und durch Körpersprache unterstützt rechts und links um Schafe Kreise laufen kann, innerhalb kürzester Zeit, also nach sehr wenigen Wiederholungen, auf ein verbales Recht- und Linkskommando zu reagieren scheint. Nun ist es tatsächlich so, dass Border Collies überdurchschnittlich lernfähig sind, trotzdem wäre es eine Illusion zu glauben, dass der kleine Einstein die Seitenkommandos auch verstehen würde, wenn sie nicht durch die bekannte Situation und die Körpersprache des Hundeführers unterstützt würden.


Position der Schafe und Körpersprache des Trainers sagen dasselbe: "Fly, lauf links!"
 Da fällt es auch einem tauben Hund nicht schwer, das Richtige zu tun.
 

Gerade die Körpersprache ist ein beliebter Fallstrick beim Training, wenn nämlich unbeabsichtigt eine dauerhafte Verknüpfung verbaler und optischer Signale an den Hund stattfindet, die man während der späteren Ausbildung, bei der der Augenkontakt des Hundes zum Menschen kontraproduktiv ist, oft nur noch schwer löschen kann. Hinsichtlich der Anzahl der Wiederholungen kommt beim Hütetraining hinzu, dass es sehr schwer ist, Situationen so exakt nachzustellen, dass die geforderte Aktion des Hundes wirklich identisch mit der vorher geübten Aktion ist. Und nicht zu vergessen ist auch, dass stupide Wiederholungen einen so geistig aktiven Hund wie einen Border Collie durchaus auch langweilen können. Von daher ist aus meiner Sicht die Frage nach der Anzahl der Wiederholungen weniger wichtig als der Wiedererkennungswert der Trainingssituation für den Hund und damit die Möglichkeit zur Routinenbildung. Letztere ist von großer Bedeutung für eine erfolgreiche Ausbildung, wobei jedoch neben dem Einüben von Standardsituationen nicht die Flexibilität außer Acht gelassen werden darf, um spätere Arbeitseinsätze unter ungewohnten Bedingungen - siehe oben - nicht zu erschweren.

Kommunikation ist Austausch von Informationen

Die zweite Säule der Stressvermeidung ist neben dem strukturierten Training die eindeutige Kommunikation. Über Kommunikation mit Hütehunden gibt es ganze Bücher. Zweifelsohne ist die Tatsache, dass man einen Border Collie auf 500 Meter Entfernung mithilfe von Pfeifsignalen zentimetergenau steuern kann, eine Meisterleistung der Kommunikation. Allerdings kann man den Begriff Kommunikation mit unterschiedlichem Schwerpunkt interpretieren. Einmal geht es um die Übermittlung von Informationen an einen Empfänger (der daraufhin ein bestimmtes Verhalten zeigt) oder man versteht Kommunikation als Austausch von Informationen, die im Sinne eines Gebens und Nehmens zu einer gegenseitigen Verhaltensanpassung führt, die wiederum zu einer gemeinsamen Problemlösung oder Aufgabenerledigung befähigt. Für die Hütehundeausbildung erscheint mir die zweite Deutung weitaus zutreffender und Erfolg versprechender. Weiter oben in diesem Text haben wir uns bereits mit dem Erkennen von Stresssignalen beschäftigt. Diese Signale können - ebenso wie Beschwichtigungssignale, Calming Signals - als Teil der Kommunikation zwischen Hund und Mensch betrachtet werden und sie liefern uns wichtige Hinweise darauf, wie wir beim Training vorgehen sollten. Ebenso teilen uns Hunde durch ihr Verhalten mit, ob sie die von uns erhaltenen Signale verstanden haben und ob sie sie in der gegebenen Situation auch tatsächlich umsetzen können. Nur der Ausbilder, der sehr genau auf die körpersprachlichen Signale und das Verhalten seines Hundes achtet, wird in der Lage sein, angemessen zu reagieren und seinen Hund bestmöglich zu unterstützen, kurz gesagt, ihn erfolgreich auszubilden.

Eindeutige Signale

Dazu gehört auch, dass die Signale, die der Mensch dem Hund gibt, von diesem lesbar und unmissverständlich zu deuten sein müssen. Der wesentlichste Grundsatz dabei ist, dass Hör- und Sichtzeichen - ebenso wie körpersprachliche Signale - von Anfang an festgelegt werden und immer gleich bleiben. Im Gegensatz zu manchen Bereichen des Hundesports, in dem kurze "knackige" Kommandos  (einsilbig) bevorzugt werden, ist unumstritten, dass bei der Hütearbeit zwei- oder mehrsilbige Kommandos geeigneter sind. Dies hat damit zu tun, dass erstens der Hund mit einem erheblichen Teil seiner Aufmerksamkeit bei den Schafen ist - und auch sein soll - und er zweitens auf mehr oder weniger große Entfernung zum Hundeführer arbeitet. In dieser Situation wirkt die erste Silbe eines Kommandos wie eine Art Aufmerksamkeitssignal, aber der Hund kann an der zweiten Silbe noch erkennen, welches Kommando gemeint war. Aus den gleichen Gründen scheiden Sichtzeichen als Kommandos (außer zur Unterstützung in der Anfangsausbildung) aus und sind Pfeifkommandos für die Arbeit auf große Distanz unerlässlich, da sie eine deutlich größere Reichweite als die menschliche Stimme haben. Eine HütepfeifeOb man auf Pfeifkommandos oder aber auf Wortkommandos gänzlich verzichtet, ist aus Sicht des Hundes unerheblich, hier kommt es nur darauf an, was dem Menschen leichter fällt. Allerdings wäre zu bedenken, dass Pfeifsignale in der Regel neutraler im Ton bleiben und so unerwünschte Emotionen des Menschen nicht an den Hund mit übermitteln, zum Beispiel in einer kritischen Situation. Andererseits gibt es Ausbildungsmethoden, deren Kernstück gerade der unterschiedliche Tonfall des jeweiligen Wortkommandos ist. Je nachdem, wie energisch oder freundlich das Kommando klingt, wird eine unterschiedliche Handlung oder Ausführung des Kommandos erwartet bzw. trainiert. Andere Ausbilder legen besonderen Wert darauf, dass jedes Kommando immer im gleichen neutralen bis freundlichen Tonfall gegeben wird, einzig ein so genanntes Störsignal übermittelt einen Tadel oder den Unmut des Ausbilders. Welche Variante dem eigenen Naturell mehr entspricht, muss jeder Hundeführer für sich entscheiden, wobei er den Charakter seines Hundes nicht außer Acht lassen sollte.

Das Timing

Unabhängig von der Wahl der Hörzeichen und ihrer Anwendung gilt, dass unerwünschte und unbewusste Signale und Körperhilfen, die den Hund verwirren würden, abgestellt werden müssen. Hierzu kann es hilfreich sein, Videoaufnahmen des eigenen Trainings zu analysieren oder zumindest die Aufmerksamkeit eines sachkundigen Zuschauers auf diesen Punkt zu lenken. Von ganz entscheidender Bedeutung ist außerdem das Timing bei allen Signalen und Aktionen des Hundeführers. Aus den Forschungen zum Klickertraining ist bekannt, dass die Zeit, die zwischen Verhalten und Konsequenz liegen darf, damit eine Verknüpfung eintreten kann, beim Hund zwischen 0,5 und 0,7 Sekunden liegt. Die "Schrecksekunde", die man als Hundeführer bei einer unerwarteten Aktion des Hundes braucht, um zu reagieren, ist also eigentlich schon zu lang. Glücklicherweise verbessert sich die Reaktionszeit des Menschen mit fortschreitender Übung, so dass die Zahl der Fehlversuche beim Erstellen von Verknüpfungen zwischen Handlung und Kommando im Laufe der Zeit geringer wird. Leider ist das Timing besonders beim Stoppen erwünschter Verhaltensweisen besonders wichtig, während man bei der Bestätigung erwünschter Verhaltensweisen durch verbales Lob aufgrund des selbstbelohnenden Effekts der Hütearbeit meistens etwas mehr Zeit hat.

Abhilfe in Stresssituationen

Wie eingangs erwähnt, sollte man einen Plan dafür haben, was zu tun ist, wenn die Stressvermeidung nicht so richtig funktioniert hat. Zeigt der Hund leichte Stresssignale, kann aber noch denken - ist also nicht völlig blockiert - so empfiehlt sich, die Situation spontan so zu verändern, dass der Hund das Problem möglichst doch noch lösen kann. Als Beispiel sei das Hindurchlaufen zwischen Schafen und Zaun genannt, dass bei manchen Hunden deutlich Stress erzeugt, wenn der Abstand zu gering ist. Hier bietet es sich an, den Abstand zwischen Schafen und Zaun zu vergrößern und erst dann ein Hindurchlaufen zu fordern. Gelingt dies mehrfach ohne Stressanzeichen des Hundes, kann der Abstand nach und nach verringert werden, solange bis der Hund kein Problem mehr mit dieser Aufgabe hat, wobei diese spezielle Übung auf mehrere Trainingseinheiten verteilt werden sollte. Neben der Veränderung der Stress erzeugenden Situation ist es wichtig, jeden Ansatz in die richtige Richtung zur Problembewältigung zu loben und bei erfolgreicher Problemlösung sofort und überschwänglich zu belohnen, zum Beispiel durch eine vom Hund besonders geliebte Übung. Bei der Zaunaufgabe könnte dies zum Beispiel je nach Hundetyp ein Nachtreiben der Schafe in flottem Tempo oder große schnelle Zirkel um die Schafe sein. Wenn möglich sollte man in der Ausbildung einen Schritt zurück gehen. Bei der Zaunaufgabe könnte dies bedeuten, dass man den Hund nicht zwischen Mutterschafen mit Lämmern und Zaun durchschickt, sondern nur bei leichtgängigerem und weniger aggressivem Vieh.

Denkblockaden

Zeigt der Hund jedoch so deutliche Stressanzeichen, dass es zu Denkblockaden kommt und "nichts mehr geht", bleibt nur noch, die Arbeit sofort abzubrechen. Gelegentlich beobachtet man solche Situationen auf Trials, wenn sowohl Hund als auch Mensch durch unerwartet schwierige Bedingungen überfordert sind. Dann ist es gut, wenn Hilfe zur Stelle ist, damit man seinen Hund abrufen und zur Ruhe bringen kann. Wenn die Möglichkeit besteht, sollte man dem Hund eine kleine Aufgabe stellen, die er sicher beherrscht und daher sofort lösen kann. Das kann in der beschriebenen Situation schon ein bloßes ruhiges auf die Schafe Zugehen an der Leine sein, vielleicht verbunden mit einem freundlichen Lie down. Tritt ein solcher massiver Einbruch während des normalen Trainings ein und ist die Ursache nicht in einem einmaligen ungewöhnlichen Ereignis zu finden, so empfiehlt es sich, in der Ausbildung soweit zurückzugehen, dass der Hund sicher arbeiten und sein Selbstvertrauen wiedergewinnen kann. Erst wenn der Hund die gestellten Aufgaben wieder ohne Stressanzeichen lösen kann, kann man die Anforderungen in der Ausbildung in kleinen Schritten wieder steigern.

Probleme der Mensch-Hund-Beziehung

Als weitere Empfehlung zur Vermeidung von unproduktiven Stress bei der Hüteausbildung sei gesagt, dass spezielle Probleme, z.B. der Hund-Mensch-Beziehung, gern auch als Dominanzproblem bezeichnet, möglichst nicht während der Hütearbeit, sondern im häuslichen Umfeld bearbeitet werden sollten. Auch bei Wölfen werden Rangordnungskonflikte nicht während der Jagd ausgetragen, dies wäre wohl kaum arterhaltend. Wenn der Hund z.B. im täglichen Leben schon nicht an der Leine gehen kann, ohne zu ziehen, wäre es wenig sinnvoll, ihm dies ausgerechnet in Ansicht von Schafen beibringen zu wollen. Zeigt er eine gute Zusammenarbeit und Gehorsam an den Schafen, so kann ich durchaus darüber hinwegsehen, dass er auf der Weide nicht an lockerer Leine bei Fuß tänzelt. Letztendlich ist dies eine Frage der Prioritäten. Andererseits mag es dem geschickten Ausbilder durchaus gelingen, die "Superbelohnung" des Hüten-Dürfens zum Trainieren bestimmter Kommandos zu nutzen. Gängiges Beispiel ist das Erlernen des Hinlegens auf Kommando, was mancher Farmhund erst im Rahmen der Hüteausbildung kennen lernt und was am 12-Uhr-Punkt vielen Hunde ganz selbstverständlich ist. Insbesondere Hunde, die bisher wenig Menschenkontakt und Erziehung genossen haben und die beim üblichen Gehorsamstraining ausschließlich Beschwichtigungsgesten zeigen würden, können beim Training an den Schafen ihre Beziehung zum Menschen als "Jagdpartner" verbessern oder normalisieren.

Stressarme Hüteausbildung für Hund und Schafe

Abschließend sei gesagt, dass man, wenn man auf eine möglichst stressfreie Ausbildung auch bei Hütehunden Wert legt, auf körperliche Bedrohung des Hundes und Zwangsmaßnahmen logischerweise verzichten muss. Leider ist dies nicht immer ganz so einfach wie es sich anhört, denn Leben und Gesundheit der Schafe und auch ihr Wohlbefinden sollten bei der Hütearbeit erste Priorität haben. Da kann es durchaus sein, dass ich zum Schutz der Schafe Maßnahmen ergreifen muss, die Zwang für den Hund bedeuten und ihn kurzzeitig in Stress versetzen. Umgekehrt ist es nicht auszuschließen, dass den Schafen für eine begrenzte Zeit Stress durch die Ausbildung eines Junghundes zugemutet werden muss, damit sie später durch den Einsatz eines gut ausgebildeten Hütehundes bei verschiedenen Pflegemaßnahmen möglichst wenig belastet werden. Hier das richtige Augenmaß zu finden, ist nicht einfach. Es ist Aufgabe des Ausbilders, Neulingen in der Hütehundeausbildung diese Problematik nahe zu bringen und sie dabei zu unterstützen, die Bedürfnisse von Schafen, Hunde und Menschen so aufeinander abzustimmen, dass keiner übervorteilt wird. Nur dann kann der Tierschutzgedanke auch in der Nutztierhaltung von Schafen verwirklicht werden. Und vielleicht kann so dem Bild von der Idylle des Schäfers mit seiner Herde ein wenig Realität verliehen werden.

 

 

Copyright Christine Fischer Januar 2010